Liebe Susanne, Dein Buch titelt „Genug erklärt!“ – was erklären Mütter den Männern eigentlich die ganze Zeit und warum sollten sie damit aufhören?

Mütter erklären ihren Kindern die Welt. Das ist gut und richtig. Viele Mütter haben aber auch das Gefühl, ihrem Partner erklären zu müssen, wie das Kind die Welt sieht, warum es wie reagiert, warum Strafen heute nicht mehr als Erziehungsmittel angewendet werden, weil er diese Sorgearbeit nicht selbständig übernimmt. Sie schicken Artikel und Podcasts, kaufen Bücher, erinnern an Termine und Bedürfnisse und versuchen, gleichzeitig noch verständnisvoll dafür zu sein, dass der andere all das vielleicht nie gelernt hat. Deswegen regulieren sie auch ihn mit, wenn er im Streit mit dem Kind zu stark reagiert.

Das Problem ist nicht, dass man sich in Beziehungen nicht auch austauschen soll oder auch mal Hinweise gibt, wie es bei einem selbst besser läuft und Ideen teilt. Natürlich gehört das dazu. Problematisch wird es, wenn das Wissen über Kinder, Beziehungen, Gefühle und Sorgearbeit dauerhaft als mütterliche Zuständigkeit behandelt wird. Wenn Frauen sich dieses Wissen aneignen sollen und anschließend auch noch dafür verantwortlich sind, es an Männer weiterzugeben. Irgendwann dürfen wir sagen: Du bist erwachsen. Du bist Vater. Du kannst lesen, lernen, dich informieren, reflektieren und Verantwortung übernehmen. Genau das meine ich mit „Genug erklärt!“.

Viele Mütter tragen nicht nur Mental und Emotional Load für die Familie, sondern fühlen sich zusätzlich dafür verantwortlich, dass der Partner ein guter Vater ist. Wie ist die Erziehung von Vätern zu einer weiteren unsichtbaren Aufgabe von Müttern geworden?

Wir haben Sorgearbeit über sehr lange Zeit als weibliche Aufgabe verstanden und tun das in vielen Bereichen noch immer. Von Müttern wird erwartet, dass sie wissen, was ein Kind braucht, wann der nächste Termin ist, welche Kleidergröße passt und was in der Brotdose sein sollte. Heute kommt allerdings noch etwas hinzu: Wir erwarten von ihnen zunehmend auch Wissen über Bindung, kindliche Entwicklung, gewaltfreie Erziehung, Regulation und Bedürfnisse.

Das ist zunächst eine positive Entwicklung, weil sich unser Blick auf Kinder verändert hat. Wenn dieses Wissen aber wieder hauptsächlich bei den Müttern landet, entsteht daraus eine neue Form von Ungleichheit. Dann soll die Mutter nicht nur selbst feinfühlig begleiten, sondern dem Vater auch noch erklären, wie das geht. Sie wird gewissermaßen zur familieninternen Fortbildungsbeauftragten. Und wenn sie abgibt, ohne dass sie den Vater über das heutige „How to“ informiert, werden die Fehler, die hier gemacht werden, schnell trotzdem der Mutter zugeschrieben.

Du betonst, dass eine feministische Erziehung von beiden Elternteilen wichtig ist: Warum können Mütter ihre Kinder nicht allein feministisch erziehen, wenn die Väter andere Schwerpunkte setzen?

Feministische Erziehung findet nicht nur dann statt, wenn wir mit unseren Kindern über Geschlechterrollen, Sexismus oder Gleichberechtigung sprechen. Kinder erleben jeden Tag, wie Geschlecht in ihrer Familie gelebt wird. Sie sehen, wer Verantwortung übernimmt, wer zurücksteckt, wer sich um andere kümmert, wer Grenzen setzt und wessen Grenzen respektiert werden. Und deshalb kann eine Mutter ihre Kinder nicht im Alleingang feministisch erziehen. Ein Vater ist nicht der Assistent einer feministischen Mutter. Er selbst trägt Verantwortung dafür, seinen Kindern Gleichberechtigung, Gewaltfreiheit und Respekt vorzuleben.

Aber viele Väter wollen heute ja glücklicherweise schon anders Vater sein als ihre eigenen Väter. Trotzdem bleibt Sorgearbeit häufig ungleich verteilt. Warum reicht der Wunsch nach moderner Vaterschaft nicht aus?

Ich glaube durchaus, dass viele Männer heute anders Vater sein wollen. Sie wollen eine enge Beziehung zu ihren Kindern haben, präsent sein und sich von einem Vaterbild distanzieren, das vor allem über Erwerbsarbeit und Autorität definiert war. Das ist eine ganz wichtige und fortschrittliche Veränderung. Aber zur verantwortungsvollen Elternschaft gehört mehr: Sorgearbeit bedeutet ja nicht nur, schöne Zeit mit Kindern zu verbringen. Sie bedeutet auch, Nachts aufzustehen, Termine zu kennen, Kleidung zu besorgen, Konflikte auszuhalten, sich über Entwicklung zu informieren, die eigenen Reaktionen zu reflektieren und sich regulieren zu können und wahrzunehmen, was gerade gebraucht wird, ohne dafür erst eine Aufgabenliste zu bekommen. Ein moderner Vater wird nicht allein dadurch zum gleichberechtigten Vater, dass er seine Kinder liebt und viel Zeit mit ihnen verbringt.

„Educate your son“ lautet eine verbreitete Antwort auf männliche Gewalt. Warum richtet sich selbst die Forderung, Männer müssten anders sozialisiert werden, so häufig wieder an Frauen?

„Educate your son“ klingt erst einmal progressiv und natürlich ist es bedeutsam, Jungen feministisch zu erziehen. Aber es bedeutet in der Praxis nicht nur noch mehr Arbeit für die Mütter, die ja mehr Sorgearbeit erbringen und hier insbesondere adressiert werden mit einer zusätzlichen Aufgabe, sondern auch noch mehr Hoffnung darauf, dass „irgendwann“ etwas besser wird. Aber eben nicht jetzt. Doch gesellschaftliche Veränderung kann nicht an Kinder delegiert werden. Und sie kann auch nicht entspannt dort entstehen, wo die größte strukturelle Macht fehlt. Sowohl Kinder als auch Mütter sind marginalisierte Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft, aber sie sollen trotzdem die positive Veränderung der Zukunft tragen.

Was lernen Kinder über Geschlecht, Liebe und Verantwortung, wenn sie erleben, dass der Vater selbstverständlich Sorgearbeit übernimmt?

Kinder lernen Familie vor allem dadurch kennen, dass sie Familie erleben. Wir können ihnen hundertmal sagen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Wenn sie gleichzeitig jeden Tag sehen, dass die Mutter daran denkt, was eingekauft werden muss, die Geschenke organisiert, reguliert, Arzttermine vereinbart und weiß, wann die nächste Klassenfahrt ist oder bei wem der nächste Kindergeburtstag, während der Vater auf konkrete Ansagen wartet, lernen sie eine andere Botschaft.

Ein Vater, der selbstverständlich Sorgearbeit übernimmt, vermittelt seinen Kindern, dass Fürsorge keine weibliche Eigenschaft ist: Dass Männer trösten, pflegen, zuhören, Verantwortung übernehmen und die Bedürfnisse anderer im Blick haben können. Davon profitieren Söhne und Töchter. Söhne bekommen ein breiteres Bild davon, was Männlichkeit sein kann. Töchter lernen, dass sie später nicht automatisch für die Bedürfnisse aller anderen zuständig sein müssen. Das mag nach kleinen Alltagshandlungen klingen, aber genau darin wird Geschlecht immer wieder hergestellt oder eben verändert.

Sobald strukturelle Probleme mit Männern benannt werden, kommt häufig der Einwand „Not all man“. Warum verhindert diese Reaktion eine notwendige Debatte über männliche Sozialisation und Verantwortung?

Natürlich sind nicht alle Männer gleich. Das behaupte weder ich, noch die strukturelle Kritik. Wenn wir beispielsweise darüber sprechen, dass Sorgearbeit ungleich verteilt ist oder Gewalt gegen Frauen überwiegend von Männern ausgeht, treffen wir damit keine Aussage darüber, dass jeder einzelne Mann sich auf dieselbe Weise verhält. „Not all man“ verschiebt die Diskussion allerdings sehr schnell von der gesellschaftlichen Ebene auf die persönliche: Plötzlich geht es darum, ob ein einzelner Mann sich zu Recht angesprochen oder ungerecht behandelt fühlt. Damit beschäftigen wir uns wieder mit männlichem Befinden, obwohl wir eigentlich über die Erfahrungen von Frauen und über gesellschaftliche Strukturen sprechen wollten. Viel sinnvoller als ein empörtes “Ich gehöre aber nicht dazu!” ist deswegen “Was kann ich, der ich mich als anders wahrnehme, noch dazu beitragen, dass sich auch bei anderen etwas verändert?”

Müttern wird häufig „Maternal Gatekeeping“ vorgeworfen, wenn Väter sich weniger in die Sorgearbeit einbringen. Wird damit die Verantwortung für die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit wieder den Frauen zugeschoben?

Das kann zumindest passieren, wenn wir den Begriff verwenden, ohne die gesellschaftlichen Bedingungen mitzudenken. Maternal Gatekeeping beschreibt Verhaltensweisen von Müttern, die väterliche Beteiligung begrenzen oder erschweren können. Das gibt es natürlich auch: Mütter können sehr genaue Vorstellungen davon entwickeln, wie etwas gemacht werden soll, Aufgaben aber nur ungern abgeben oder korrigierend eingreifen. Aber dabei müssen wir natürlich danach fragen, warum dieses Verhalten entsteht. Mütter werden nämlich von Anfang an sehr viel stärker dafür verantwortlich gemacht, dass es dem Kind gut geht. Sie eignen sich Wissen an, übernehmen einen größeren Teil der Sorgearbeit und sammeln dadurch zwangsläufig mehr Erfahrung. Gleichzeitig werden sie gesellschaftlich auch stärker bewertet, wenn etwas nicht funktioniert. Wenn eine Person über Monate oder Jahre mehr Verantwortung trägt, mehr Wissen ansammelt und zugleich stärker für Fehler verantwortlich gemacht wird, ist es wenig überraschend, dass es ihr irgendwann schwerfallen kann, Verantwortung einfach abzugeben. Das ausschließlich als persönliches Kontrollproblem der Mutter zu beschreiben, greift dabei zu kurz. Besonders problematisch wird der Begriff dann, wenn er zur bequemen Erklärung für geringe väterliche Beteiligung wird: Der Vater würde ja gern mehr machen, aber die Mutter lasse ihn nicht. Das bedeutet ja nur wieder: die Mutter ist für die Sorgearbeit generell zuständig und zusätzlich dafür, dem Vater ausreichend Raum zu verschaffen, damit er auch welche übernehmen kann. Väterliche Verantwortung sollte aber wirklich nicht davon abhängig sein, dass eine Mutter sie ermöglicht, organisiert oder pädagogisch begleitet. Ein Vater kann sich Wissen aneignen, Routinen entwickeln, Verantwortung übernehmen und eine eigene Beziehung zu seinem Kind aufbauen. Und selbstverständlich darf er Dinge dabei anders machen als die Mutter, solange die Bedürfnisse und Grenzen des Kindes respektiert werden.