Deutschland erlebt einen Auswanderungsrekord. Warum denken gerade jetzt so viele Menschen darüber nach, ihre Heimat zu verlassen?
Die Stimmung hat sich in den letzten Jahren gedreht. Natürlich wandern immer noch viele aus, weil sie sich im Ausland bessere Karrierechancen, mehr Freiheit oder mehr Lebensqualität erhoffen. Im Moment spielen aber auch wirtschaftliche Unsicherheit und das Gefühl eine große Rolle, dass Deutschland nicht mehr so funktioniert wie noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig erlebe ich immer mehr Menschen, die sich in der Lebensmitte fragen: Soll das schon alles gewesen sein? Sie sind auf der Suche nach einem Abenteuer – nach einem anderen Leben. Genau wie ich es war.
Nach über 300 Gesprächen mit Auswanderern: Was haben Dich diese Menschen über das Leben gelehrt?
Dass zwischen einem Traum und einem neuen Leben oft nur eine einzige Entscheidung liegt. Viele warten auf den perfekten Zeitpunkt und verpassen ihn genau deshalb. Meine Gäste haben den Schritt gewagt, obwohl längst nicht alles nach Plan lief. Aber ich habe bis heute noch keinen getroffen, der seine Auswanderung bereut hat. Dafür viele, die ihren Traum nie gelebt haben.
Du schreibst in Deinem Buch „Einfach aussteigen“, dass Eure Auswanderung ausgerechnet im Wartezimmer eines Zahnarztes begann. Was ist damals passiert?
Kurz zuvor hatte ich meine Festanstellung verloren und wusste ehrlich gesagt selbst nicht mehr, wohin mein Leben eigentlich gehen sollte. Beim Zahnarzt griff ich aus Langeweile zu einer alten Zeitschrift mit einem wissenschaftlichen Artikel. Darin stand ein Satz, der mich bis heute nicht mehr losgelassen hat: „Der Ort, an dem du lebst, verändert dich.“ Was wäre, wenn das stimmt? Wenn tatsächlich nur ein anderer Ort die Kraft hätte, mich zu verändern? Dieser Gedanke wurde zu einem echten Ohrwurm. Er war der Auslöser für unsere Auswanderungspläne und viele Jahre später auch für dieses Buch.
Du bist selbst zweimal ausgewandert. Wann ist Auswandern aus Deiner Sicht eine gute Entscheidung – und wann eher nicht?
Wer aus Angst oder Frust geht, nimmt seine Probleme oft einfach mit. Viel besser ist es, wenn man sich von einem neuen Land, den Menschen und der Mentalität angezogen fühlt. Auswandern sollte immer eine Entscheidung für ein neues Leben sein und nicht in erster Linie die Flucht vor dem alten.
Du schreibst in Deinem Buch von der sogenannten Honeymoon-Phase. Warum scheitern viele Auswanderungen nicht am Anfang, sondern erst nach einigen Monaten?
Zuerst fühlt sich fast jede Auswanderung wie ein langer Urlaub an. Alles ist neu, spannend und aufregend – wie am Anfang einer Liebesbeziehung. Doch irgendwann wird aus dem Abenteuer Alltag. Genau dann zeigt sich, ob man wirklich bereit ist, die Eigenheiten eines Landes anzunehmen oder ob man innerlich ständig mit Deutschland vergleicht. Die eigentliche Auswanderung beginnt erst, wenn der Alltag einzieht.
Welcher war Dein größter Fehler bei Deiner eigenen Auswanderung nach Irland – und was würdest Du heute anders machen?
Wir hatten ziemlich schnell unser Traumhaus gefunden. Mein größter Fehler war aber, dass ich alles anders haben wollte, als in Berlin. Ich wollte zuerst unbedingt aufs Land ziehen, ganz allein und mitten in der Natur. Erst als wir dann dort waren, habe ich gemerkt, dass mir das auf Dauer zu einsam ist, und dass es mir wichtiger ist, näher an einem lebendigen Alltag zu wohnen. Heute würde ich mir vor einer Auswanderung weniger Gedanken über das perfekte Haus machen und mehr darüber, wie mein Alltag im neuen Land aussehen soll.
Wann hast Du zum ersten Mal gemerkt: Jetzt bin ich wirklich in Irland angekommen?
Das war ein ganz normaler Nachmittag in unserer kleinen Hafenstadt New Ross. Ich war mit unserem Hund unterwegs, habe mit einem Nachbarn und dem Postboten gequatscht und war danach noch beim Friseur. Irgendwann dachte ich: Verrückt, ich kenne die Menschen hier und sie kennen mich. Genau in diesem Moment habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr nur hier lebe, sondern wirklich angekommen bin.
Du bist gemeinsam mit Deiner Frau und Deinem Sohn ausgewandert. Inwiefern hat sich der Neuanfang für Euch unterschiedlich angefühlt?
Wir sind zwar gemeinsam ausgewandert, aber jeder von uns hatte seine ganz eigenen Herausforderungen. Meine Frau und ich mussten uns plötzlich in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden, in dem sich auch unsere Rollen verändert haben. Sie wurde zur Bürokratie-Managerin und hat sich um den ganzen Papierkram beim Start in Irland gekümmert. Ich bin dagegen eher unfreiwillig zum Hobbyhandwerker geworden, obwohl ich vorher in Berlin nicht mal ein Bild gerade aufhängen konnte. Und unser Sohn? Der musste in einen englischsprachigen Kindergarten, obwohl er damals noch kein Wort Englisch sprach. So erlebte jedes Familienmitglied unsere Auswanderung auf seine eigene Weise.
Was unterscheidet Menschen, die im Ausland wirklich ankommen, von denen, die nach einiger Zeit wieder zurückkehren?
Erfolgreiche Auswanderer sind offen für die Sprache, die Kultur und die Mentalität ihres neuen Landes. Sie akzeptieren, dass die Menschen dort anders ticken als in Deutschland. Gleichzeitig bleiben sie flexibel. Im Ausland läuft selten alles nach Plan. Wer dann einen Plan B hat, statt dem alten Leben hinterherzutrauern, hat die besten Chancen, wirklich anzukommen. Und natürlich sollte auch die finanzielle Planung stimmen.

